Freitag, 9. Januar 2009

Wie der Blutdruck korrekt gemessen wird?


Wie der Blutdruck korrekt gemessen wird


Den Blutdruck richtig zu messen ist alles andere als trivial. Hochdruck- Spezialisten
geben bei der Medica Tipps für Patienten, aber auch für ihre Ärzte. <>
Von Thomas Meißner
Den Blutdruck richtig zu messen ist alles andere als trivial. Denn dabei werden sehr viele Fehler gemacht, beklagen Fachleute. Sie sehen Lernbedarf nicht nur bei Patienten,
sondern auch bei Profis. Und bei den Messgeräten muss man die Spreu vom Weizen trennen.
"Kommen Sie, setzen Sie sich schnell dahin, ich messe mal eben den Blutdruck!" - Man könne sicher sein, dass bei solchem Vorgehen die Blutdruckwerte 30 bis 40 mmHg höher
ausfielen, als sie tatsächlich seien, sagt Professor Bernd Krönig aus Trier in Deutschland. Der Internist und Hypertensiologe gibt bei der Medica, der weltgrößten Medizinmesse mit angeschlossenem Fachkongress, Tipps zum richtigen Blutdruckmessen. Aber auch falsch niedrig
gemessene Werte sind möglich, wenn man den richtigen Umgang mit einem Messgerät nicht beherrscht. Eigentlich ist es gar nicht schwierig, den Blutdruck richtig zu messen. Aber ein paar Regeln müssen beachtet werden. Regeln, die sehr viele Hochdruck-Patienten nicht kennen, obwohl sie sich selbst messen, die aber auch von professionellen Helfern häufig nicht beachtet
werden.
So sollte die Messung, zum Beispiel morgens und abends, erfolgen, bevor erneut
blutdrucksenkende Medikamente eingenommen werden. Damit lässt sich am ehesten die
individuell unterschiedliche Langzeitwirkung einzelner Bluthochdruckmittel beurteilen.
Außerdem sollte vor der Messung eine Ruhezeit von drei bis fünf Minuten eingehalten
werden. Etwas Ruhe braucht auch der Untersuchende: bei der klassischen Messmethode mit
Stethoskop, Oberarmmanschette und Manometer soll die Ablassgeschwindigkeit der Luft bei
relativ langsamen zwei bis drei mmHg pro Sekunde liegen. Bei einem Blutdruck von 160/90
mmHg (Blutdruckamplitude von 70 mmHg) bedeutet das, dass es 25 bis 35 Sekunden
dauert, bevor systolischer und diastolischer Wert ermittelt sind. So viel Zeit muss sein.
Unter befragten 500 Männern und Frauen wussten weniger als drei von zehn Hochdruck-
Patienten, dass die Blutdruckmanschette so positioniert sein soll, dass sich der Messpunkt in
Herzhöhe befindet. Außerdem muss stets am Arm mit dem höheren Blutdruckwert
gemessen werden. Auch dies weiß nur jeder Dritte.
Mit einer zu kleinen Manschette misst man falsch niedrige systolische Werte (oberer
Messwert) und falsch hohe diastolische Werte (unterer Messwert). Erstens muss die
Manschette zwei Drittel der Oberarmlänge bedecken. Zweitens muss die Manschettenlänge
stimmen: Weil immer mehr Menschen übergewichtig sind, sieht man immer häufiger
Oberarmumfänge von deutlich mehr als 35 cm. Die Standardmanschette (Länge 22 bis 34
cm) reicht dann nicht mehr aus und muss durch eine längere Manschette ersetzt werden.
Abgenutzte Klettverschlüsse, die sich bereits beim Aufpumpen lösen, führen ebenfalls zu
unsicheren Messwerten.
Die Ärmel eines Oberhemdes oder einer dünnen Bluse können bei der Blutdruckmessung
ruhig unten bleiben. Eine kanadische Studie bei 376 Patienten hat kürzlich ergeben, dass
sich die Messwerte am nackten Arm nicht relevant von jenen am bekleideten Arm
unterscheiden (CMAJ 178, 2008, 585). Dicke Pullover oder Jacken sollte man aber am
besten gleich ausziehen, anstatt zu versuchen, die Manschette noch zwischen
hochgekrempelten Ärmel und Ellenbogen zu klemmen, rät Krönig. Seit Jahren gibt es automatische Blutdruckmessgeräte, die in Tests jedoch oft von sehr heterogener Qualität waren. Zu beachten ist, dass diese Geräte den Blutdruck nach einem ganz anderen Prinzip messen, als bei der klassischen Referenzmethode mit Hilfe des Stethoskops (siehe Kasten). Automaten bestimmen oszillometrisch lediglich einen Mitteldruck. Systolischer und diastolischer Wert errechnet das Gerät. Die Rechenalgorithmen sind bei hochwertigen Geräten so angepasst, dass die Messwerte jenen der klassischen Blutdruckmessgeräte entsprechen - zumindest bei Erwachsenen. Die Messwerte der verschiedenen Methoden sind also prinzipiell vergleichbar. Inzwischen werden auch wissenschaftliche Studien mit solchen Automaten vorgenommen. Allerdings sind die Berechnungsverfahren nicht standardisiert, wie es aus wissenschaftlichen Gründen wünschenswert wäre.
Viele auf dem Markt erhältliche elektronische Blutdruckmessgeräte weisen regelmäßig
fehlerhafte Abweichungen von durchaus 10 mmHg auf. Die Deutsche Hochdruckliga (DHL)
versieht deshalb inzwischen hochwertige Geräte mit einem Prüfsiegel. Dem gehen
aufwendige Tests nach einer europäischen Norm bei über 90 Probanden mit standardisierten
Voraussetzungen voran. Die Messwertabweichungen vom Referenzverfahren dürfen enge
Grenzen nicht überschreiten. Die Geräte mit Prüfsiegel sind auf der Internetseite der DHL
veröffentlicht (www.hochdruckliga.de). Empfehlenswert sind gerade für alte Menschen Geräte
mit gut ablesbaren Displays, gegebenenfalls ergänzt durch Farbskalierungen (rot, gelb, grün)
für gute oder schlechte Druckwerte.
Für die Blutdruckmessung bei Kindern raten Experten wie der Pädiater Privatdozent Dr.
Michael Bald aus Stuttgart von Automaten weitgehend ab. Denn sie seien, von Ausnahmen
abgesehen, nicht für Kinder geprüft. Es gebe kaum wissenschaftliche Daten, anhand derer
der Blutdruck bei Kindern geschlechts- und größenadaptiert bewertet werden könnte. Sehr
Wie der Blutdruck korrekt gemessen wird
http://www.aerztezeitung.de/suchen/default.aspx?query=Blutdruck+messen&sid=522262[09.01.2009 09:21:05]
oft fehlten bei den Geräten auch für Kinder geeignete Manschetten.
Volkskrankheit Bluthochdruck
In Deutschland gibt es mindestens 20 Millionen Menschen mit Bluthochdruck (über 140 zu 90
mmHg). Folgen jahrelangen Bluthochdrucks können unter anderem Schlaganfall, Herzinfarkt
und Nierenversagen sein. Lediglich jedem dritten Betroffenen ist der eigene erhöhte
Blutdruck bekannt. Bei nur knapp 16 Prozent der Hypertoniepatienten in Deutschland ist die
Krankheit medikamentös und mit Allgemeinmaßnahmen unter Kontrolle. (ner)
Blutdruck messen mit Riva-Rocci, Korotkow & Co
Klassische Blutdruckmessung:
Die indirekte Blutdruckmessung mit einer aufblasbaren Oberarmmanschette und einem
Sphygmomanometer hat der italienische Arzt Scipione Riva-Rocci (1863-1937) erdacht.
Durch Aufpumpen der Manschette wird die Armarterie (A. brachialis) komprimiert. Man lässt
die Luft solange ab, bis wieder ein Puls am Handgelenk (A. radialis) tastbar ist, also der
arterielle Druck den Manschettendruck gerade überwindet. Dieser Luftdruck in der
Manschette entspricht dem systolischen Blutdruck. Später kombinierte man die Methode mit
dem Abhören der Arterie per Stethoskop auf der Ellenbeuge. Dabei sind pulssynchrone
Strömungsgeräusche zu hören (Korotkow-Töne, nach Nikolai S. Korotkow, 1874-1920). Beim
Ablassen des Manschettendrucks entspricht der Druck beim Ersterscheinen des
Strömungsgeräuschs dem systolischen Blutdruck, der Druck beim vollständigen
Verschwinden des Geräuschs (bei Erwachsenen) dem diastolischen Blutdruck. Traditionell
wird der Druck noch in Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) angegeben, obwohl schon lange
keine Messgeräte mit Quecksilber mehr verwendet werden dürfen.
Automatische Blutdruckmessung:
Automatische Geräte messen den Blutdruck oszillometrisch. Das heißt, statt akustischer
Signale werden beim allmählichen Ablassen des Manschettendrucks Oszillationen des
Manschettendrucks erfasst, bedingt durch den wieder einsetzenden arteriellen Puls im Arm.
Diese Oszillationen werden zuerst stärker, dann allmählich schwächer, bis sie ganz aufhören.
Gemessen wird der mittlere Blutdruck (Auftreten der größten Oszillation). Systolischer und
diastolischer Wert werden mit Hilfe mathematischer Algorithmen berechnet. Weil der
Blutdruck im Tagesverlauf stark schwankt, hat sich zur Diagnostik einer Hypertonie die 24-
Stunden-Blutdruckmessung mit Automaten bewährt. Dies gilt auch für die Therapiekontrolle.
Denn oft lässt sich nicht voraussagen, ob eine morgendliche antihypertensive Medikation
noch spät am Abend die gewünschte Wirkung hat.
Direkte Blutdruckmessung:
Sie erfolgt über einen im Blutstrom liegenden Sensor in einer Arterie, der die vom Herzen
ausgehende Druckpulswelle registriert. Diese Druckmessung wird, wenn notwendig, auf
Intensivstationen oder bei großen Operationen angewendet. Vorteil ist die permanente
Registrierung des Blutdrucks und eine im Vergleich zur indirekten Messung höhere
Genauigkeit. (ner)