Diabetes mellitus: Prävention ist für jeden möglich
Auch im normalen Alltag können Menschen einen gesunden Lebensstil führen und dem Diabetes mellitus vorbeugen.
Es ist hinreichend bekannt, dass man dem Diabetes mellitus vorbeugen kann durch einen gesunden Lebensstil: ausgewogene Ernährung und reichlich Bewegung zum Beispiel. Wie realistisch das beim Durchschnittsbürger ist, haben Wissenschaftler des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf nun gemeinsam mit der AOK Schleswig-Holstein untersucht. Die „DELIGHT“-Studie stellt die Frage, ob unter den Bedingungen der gesetzlichen Krankenkasse Diabetesprävention möglich ist.
In Betrieben Schleswig-Holsteins wurde Mitarbeitern mit einem Taillenumfang von mehr als 94 (Männer) beziehungsweise mehr als 80 Zentimetern (Frauen) angeboten, anthropometrische Daten zu erheben und den Blutzucker nüchtern und zwei Stunden nach 75 Gramm Glukoseaufnahme zu messen. Außerdem wurde das Lipidprofil und der Lebensstil geprüft. Betroffene erhielten die Möglichkeit, drei Jahre an einem Ernährungs- und Walking Programm teilzunehmen.
Unter 103 Männern und 137 Frauen mit erhöhtem Taillenumfang hatten 34 Prozent eine gestörte Glukosetoleranz, davon drei Prozent einen unbekannten Diabetes mellitus. 95 Prozent ließen sich mittels Nüchternblutzucker von mehr als 100 mg/dl identifizieren. 60 Prozent der betroffenen Männer und 45 Prozent der Frauen hatten einen oft nicht bekannten Hypertonus; 50 Prozent ein metabolisches Syndrom. Nach sechs Monaten lag das Gewicht erfolgreicher Abnehmer bei Männern durchschnittlich sechs Kilogramm und bei Frauen drei Kilogramm niedriger. Auch Blutzucker, Lipide und Blutdruck hatten sich verbessert. Es war kein neuer Fall eines Diabetes aufgetreten.
Diabetesprävention unter den Bedingungen einer gesetzlichen Krankenkasse ist also möglich. Durch die Selbstmessung von Taillenumfang und Nüchternblutzuckermessung können Diabetesgefährdete mit metabolischem Syndrom identifiziert werden. Der Langzeiteffekt über drei Jahre wird zur Zeit geprüft.
Mittwoch, 16. April 2008
Blutzuckererkrankung (Diabetes): Wie können Sie vorbeugen?
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Übergewicht: Meikamentöse Therapie?
Rimonabant bremst Atherosklerose
Erste Ergebnisse der STRADIVARIUS-Studie mit über 800 Patienten / Günstiger Effekt auf kardiometabolisches Risiko
WIESBADEN (djb). Dicke nehmen mit dem Cannabinoid (CB1)-Rezeptorantagonisten Rimonabant nicht nur ab, sondern verbessern zudem ihr kardiometabolisches Risikoprofil. Das belegen erste Ergebnisse eines Studienprogramms.
In einem großen Phase-IIIb-Studienprogramm wird derzeit der Zusatznutzen von Rimonabant (Acomplia®) im kardiovaskulären Risikomanagement geprüft. Erste Ergebnisse daraus sind jetzt veröffentlicht worden (JAMA 299, 2008, 1547), wie Stefan Engeli aus Hannover beim Internisten-Kongress berichtet hat. In der kontrollierten doppelt verblindeten STRADIVARIUS*- Studie wurden 839 übergewichtige Patienten mit kardiometabolischen Risikofaktoren 18 Monate lang entweder mit Rimonabant (20 mg) oder Placebo behandelt.
Unter Rimonabant nahm das Atherom-Volumen (PAV) weniger zu als unter Placebo (um 0,25 Prozent versus 0,5 Prozent), der Unterschied war jedoch nicht signifikant (p=0,22). Zudem wurde eine signifikante Verkleinerung des normalisierten totalen Atherom-Volumens (nTAV) um 2,2 mm³ im Vergleich zu einer Vergrößerung von 0,88 mm³ in der Placebogruppe beobachtet (p=0,03).
Die Daten belegen, dass Rimonabant das Atherom-Wachstum in den Koronararterien bei Übergewichtigen mit KHK und Metabolischem Syndrom bremst, so Engeli bei einer Veranstaltung von Sanofi-Aventis.
Außerdem verbesserten sich weitere kardiometabolische Risikofaktoren signifikant im Vergleich zu Placebo: Das HDL-Cholesterin nahm um 22 Prozent zu, die Triglyzeride nahmen um 21 Prozent und das CRP um 50 Prozent ab. Die Patienten der Rimonabant-Gruppe hatten 4,3 kg an Gewicht abgenommen und der Taillenumfang, das bedeutet das kardiovaskulär besonders riskante abdominale Fettgewebe, hatte sich um 4,6 cm reduziert.
In Deutschland wird Rimonabant von den gesetzlichen Kassen als Lifestyle-Medikament eingestuft und nicht bezahlt. Die britische Gesundheitsbehörde NICE hat im Gegensatz dazu die Erstattung von Rimonabant empfohlen.
*Strategy To Reduce Atherosclerosis Development Involving Administration of Rimonabant - the Intravascular Ultrasound Study
Volumen von Atheromen in Koronarien sinkt deutlich.
Erste Ergebnisse der STRADIVARIUS-Studie mit über 800 Patienten / Günstiger Effekt auf kardiometabolisches Risiko
WIESBADEN (djb). Dicke nehmen mit dem Cannabinoid (CB1)-Rezeptorantagonisten Rimonabant nicht nur ab, sondern verbessern zudem ihr kardiometabolisches Risikoprofil. Das belegen erste Ergebnisse eines Studienprogramms.
In einem großen Phase-IIIb-Studienprogramm wird derzeit der Zusatznutzen von Rimonabant (Acomplia®) im kardiovaskulären Risikomanagement geprüft. Erste Ergebnisse daraus sind jetzt veröffentlicht worden (JAMA 299, 2008, 1547), wie Stefan Engeli aus Hannover beim Internisten-Kongress berichtet hat. In der kontrollierten doppelt verblindeten STRADIVARIUS*- Studie wurden 839 übergewichtige Patienten mit kardiometabolischen Risikofaktoren 18 Monate lang entweder mit Rimonabant (20 mg) oder Placebo behandelt.
Unter Rimonabant nahm das Atherom-Volumen (PAV) weniger zu als unter Placebo (um 0,25 Prozent versus 0,5 Prozent), der Unterschied war jedoch nicht signifikant (p=0,22). Zudem wurde eine signifikante Verkleinerung des normalisierten totalen Atherom-Volumens (nTAV) um 2,2 mm³ im Vergleich zu einer Vergrößerung von 0,88 mm³ in der Placebogruppe beobachtet (p=0,03).
Die Daten belegen, dass Rimonabant das Atherom-Wachstum in den Koronararterien bei Übergewichtigen mit KHK und Metabolischem Syndrom bremst, so Engeli bei einer Veranstaltung von Sanofi-Aventis.
Außerdem verbesserten sich weitere kardiometabolische Risikofaktoren signifikant im Vergleich zu Placebo: Das HDL-Cholesterin nahm um 22 Prozent zu, die Triglyzeride nahmen um 21 Prozent und das CRP um 50 Prozent ab. Die Patienten der Rimonabant-Gruppe hatten 4,3 kg an Gewicht abgenommen und der Taillenumfang, das bedeutet das kardiovaskulär besonders riskante abdominale Fettgewebe, hatte sich um 4,6 cm reduziert.
In Deutschland wird Rimonabant von den gesetzlichen Kassen als Lifestyle-Medikament eingestuft und nicht bezahlt. Die britische Gesundheitsbehörde NICE hat im Gegensatz dazu die Erstattung von Rimonabant empfohlen.
*Strategy To Reduce Atherosclerosis Development Involving Administration of Rimonabant - the Intravascular Ultrasound Study
Volumen von Atheromen in Koronarien sinkt deutlich.
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Krebserkrankung: Was tun bei Müdigkeit und Schlappheit?
Körperliche Aktivität kann Erschöpfungszustände mindern
Walking & Co. gegen die Fatigue
16.04.08 - Wenn Tumorerkrankungen und -therapien mit ständiger Müdigkeit und Abgeschlagenheit einhergehen, sollte dem Patienten zu Bewegung geraten werden. Eine aktuelle Meta-Analyse zeigt signifikante Effekte.
Viele Krebspatienten leiden unter erheblichen Erschöpfungszuständen. Foto: pixelio
"Schnell wird Krebspatienten klar gemacht, dass sie sich auf eine Fatigue als Nebenwirkung einstellen müssen", stellt Autorin Dr. Fiona Cramp von der University of the West of England in Bristol fest. "Selten werden sie ermutigt, aktiv damit umzugehen."
Für die Meta-Analyse, die in der "Cochrane Library" erschien, wertete Cramp zusammen mit Dr. J. Daniel die Daten von über 2.000 Krebs-Patienten aus 28 Studien aus. Die untersuchten Bewegungsprogramme erstreckten sich über Zeiträume von drei Wochen bis sechs Monaten - die durchschnittliche Dauer lag bei zwölf Wochen.
Die meisten Studien fokussierten sich auf Walking oder Fahrrad-Ergometer-Training, doch die Intensität der Belastung variierte erheblich. Trotz der Heterogenität entpuppte sich körperliche Aktivität als sehr wirksam gegen das Fatigue-Syndrom.
Bewegung sollte Therapiebestandteil werden
"Generell können wir sagen, dass schon 30-minütige Spaziergänge drei bis fünf Mal pro Woche gegen die Erschöpfung helfen", betont Cramp. Für genauere Aussagen über Dauer, Häufigkeit, Intensität und Art des Trainings sei die Datenlage allerdings noch nicht ausreichend. Auch sei körperliche Aktivität nicht als alleinige Maßnahme bei Fatigue zu verstehen, doch sollte sie unbedingt in die Therapie integriert werden.
"Zunächst sollten natürlich zugrunde liegende Erscheinungen wie Anämie oder Hypothyreodismus behandelt werden", stellt auch Dr. Karen Mustian von der University of Rochester fest, die nicht an der Studie beteiligt war. "Doch wenn diese kontrolliert sind, kann Bewegung weiterhelfen."
"Trainingsprogramme könnten in der Onkologie künftig eine ebenso große Rolle spielen wie in der kardiologische Rehabilitation", meint die Wissenschaftlerin. "Doch dazu müssen größere Studien weitere Daten liefern."
Walking & Co. gegen die Fatigue
16.04.08 - Wenn Tumorerkrankungen und -therapien mit ständiger Müdigkeit und Abgeschlagenheit einhergehen, sollte dem Patienten zu Bewegung geraten werden. Eine aktuelle Meta-Analyse zeigt signifikante Effekte.
Viele Krebspatienten leiden unter erheblichen Erschöpfungszuständen. Foto: pixelio
"Schnell wird Krebspatienten klar gemacht, dass sie sich auf eine Fatigue als Nebenwirkung einstellen müssen", stellt Autorin Dr. Fiona Cramp von der University of the West of England in Bristol fest. "Selten werden sie ermutigt, aktiv damit umzugehen."
Für die Meta-Analyse, die in der "Cochrane Library" erschien, wertete Cramp zusammen mit Dr. J. Daniel die Daten von über 2.000 Krebs-Patienten aus 28 Studien aus. Die untersuchten Bewegungsprogramme erstreckten sich über Zeiträume von drei Wochen bis sechs Monaten - die durchschnittliche Dauer lag bei zwölf Wochen.
Die meisten Studien fokussierten sich auf Walking oder Fahrrad-Ergometer-Training, doch die Intensität der Belastung variierte erheblich. Trotz der Heterogenität entpuppte sich körperliche Aktivität als sehr wirksam gegen das Fatigue-Syndrom.
Bewegung sollte Therapiebestandteil werden
"Generell können wir sagen, dass schon 30-minütige Spaziergänge drei bis fünf Mal pro Woche gegen die Erschöpfung helfen", betont Cramp. Für genauere Aussagen über Dauer, Häufigkeit, Intensität und Art des Trainings sei die Datenlage allerdings noch nicht ausreichend. Auch sei körperliche Aktivität nicht als alleinige Maßnahme bei Fatigue zu verstehen, doch sollte sie unbedingt in die Therapie integriert werden.
"Zunächst sollten natürlich zugrunde liegende Erscheinungen wie Anämie oder Hypothyreodismus behandelt werden", stellt auch Dr. Karen Mustian von der University of Rochester fest, die nicht an der Studie beteiligt war. "Doch wenn diese kontrolliert sind, kann Bewegung weiterhelfen."
"Trainingsprogramme könnten in der Onkologie künftig eine ebenso große Rolle spielen wie in der kardiologische Rehabilitation", meint die Wissenschaftlerin. "Doch dazu müssen größere Studien weitere Daten liefern."
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Freitag, 11. April 2008
Kinder, Infektionen und Impfungen: Müssen Kinder Infektionen bekommen, um später gesünder zu sein?
Fragwürdige Abhärtung
Frühe Infektionen kein Schutz vor Allergien und Krebs
Martina Lenzen-Schulte
Kämpfen will gelernt sein. Das gilt auch für die Abwehrtruppen des menschlichen Immunsystems. Früher sagte man, ein bisschen Dreck könne nicht schaden. Zugespitzt wird das in der sogenannten Hygiene-Hypothese: Stählt sich ein Kind früh an harmlosen Infektionen, so soll es später besser gegen ernsthafte Erkrankungen, bösartige Tumoren etwa, gefeit sein. Die Immunzellen sollen dann auch weniger zu überschießenden Reaktionen - wie bei Allergien - oder zu Angriffen gegen körpereigene Strukturen - wie bei Autoimmunkrankheiten - neigen. Impfkritiker stoßen mit der Auffassung, dass Reifung ohne Krisen nicht zu haben sei, ins gleiche Horn. Kinderkrankheiten "wegimpfen" heißt in diesem Konzept, das Kind um die Chance der Abhärtung gegen schlimmere Feinde zu bringen. Dass Waldorfkinder, die weniger geimpft sind, seltener an Allergien leiden, rundet die Plausibilität der inzwischen weit um sich greifenden, streng gefassten Hygiene-Hypothese ab. Diese führt entgleisende Immunmechanismen und Abwehrschwächen pauschal auf die Infektphobie zurück.
Das auf den ersten Blick attraktive, gesellschaftskritische Denkgebäude wird in jüngster Zeit jedoch Stück für Stück zerpflückt. Eine im "American Journal of Epidemiology" (doi: 10.1093/aje/kwm339) veröffentlichte kanadische Studie widerlegt vor allem die Vermutung, Infekte und Kinderkrankheiten verringerten das Leukämierisiko. Lange hieß es, wer als Baby durch ältere Geschwister oder in Krippen früh fremden Keimen ausgesetzt würde, erkranke später nicht so leicht an Leukämie oder anderen Krebsarten, etwa Lymphomen. Beim Vergleich von 399 leukämiekranken Kindern mit ebenso vielen gesunden fand sich keine Bestätigung für einen solchen Zusammenhang. Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps, Röteln und Windpocken, aber auch banale Virusinfekte oder Mittelohrentzündungen härten die Kinder offenbar nicht ab. Unlängst hatte sogar Mel Greaves vom Institute of Cancer Research in London freimütig Risse im eigenen Konzept eingeräumt. Er gilt als Urheber der Idee, frühe Infektionen stählten Kinder gegen Leukämie.
Die kanadische Studie ergab zudem, dass die Impfung gegen Masern, Mumps, Röteln, wenn sie nach dem ersten Geburtstag erfolgte, das Leukämierisiko um die Hälfte verringerte. Auch Impfungen gegen Diphterie, Tetanus und Keuchhusten sowie gegen den Auslöser von Hirnhautentzündungen - das Bakterium Hämophilus influenzae - gingen mit einem verminderten Leukämierisiko einher. Wie Mary McBride und die anderen Forscher weiter berichten, scheinen die Impfungen gegen Tuberkulose und Pocken ebenfalls in dieser Richtung zu wirken. Sie halbieren offenbar das Risiko, am schwarzen Hautkrebs zu erkranken. Eine solche Impfung verlängert zudem die Überlebenszeit der operierten Melanompatienten. Was die Influenza-Impfung betrifft, so schützt diese anscheinend nicht nur vor einer Grippe, sondern auch vor den unterschiedlichsten Entartungen der Lymph- und Knochenmarkszellen. In diesem Fall geht es freilich nicht um Kinder, sondern um ältere Patienten.
In der Debatte um Allergien zeichnet sich ebenfalls eine Kehrtwende ab. Je mehr Infektionen Kinder durchmachten, desto größer war in späteren Jahren das Risiko für Asthmaleiden oder andere sogenannte atopische Erkrankungen wie Neurodermitis und Heuschnupfen. Das haben finnische Forscher in einer Untersuchung an fast 40 000 Kindern herausgefunden. Mitunter wird die These vertreten, Impfungen erhöhten das Allergierisiko. Eine deutsch-niederländische Studie an mehr als 500 Grundschülern ließ indes keinen Zusammenhang zwischen Impfstatus und Allergien erkennen. Eine schweizerische Untersuchung, in die mehr als 1500 Schüler einbezogen worden waren, führte zu dem Ergebnis, dass jene Kinder, die eine Masern- und Mumpserkrankung durchgemacht hatten, eher an Allergien litten als jene, die gegen diese Krankheiten geimpft worden waren.
Immer wieder taucht die Behauptung auf, seit mehr geimpft werde, habe die Zahl der Allergien zugenommen. Ein solcher zeitlicher Zusammenhang existiert aber nicht: In England nimmt zum Beispiel die Zahl der Allergien bei den nach 1985 geborenen Kinder nicht mehr zu, obwohl der Impfplan seitdem immer voller geworden ist. In der DDR wurde viel häufiger gegen Keuchhusten geimpft als in der Bundesrepublik. Dennoch litten die Kinder dort deutlich seltener an Allergien. Woher diese offenbar vorteilhaften Effekte der Impfungen auf das Immunsystem herrühren, ist freilich noch ungeklärt.
Selbstzerstörerische Neigungen der Abwehrzellen sind ebenfalls nicht schlicht als Folge mangelnder Feindberührung zu deuten. Sardinien weist die höchste Rate an Autoimmunerkrankungen in Europa auf und ist sicher keine keimfreie Region. Autoimmunkrankheiten wie Diabetes mellitus Typ 1 kommen nach neueren Erkenntnissen bei Kindern, die viele Infekte durchgemacht haben, sogar häufiger vor. Zudem neigen geimpfte Kinder nicht stärker zu dieser frühen Form der Zuckerkrankheit als nicht geimpfte. Yehuda Shoenfeld vom Zentrum für Autoimmunerkrankungen in Tel Hashomer (Israel) hat jetzt den überschätzten Nutzen von Infektionen zur Verhinderung von Autoimmunerkrankungen dokumentiert ("Clinical Reviews in Allergy and Immunology" (doi: 10.1007/s12016-007-8048-8).
Die Hygiene-Hypothese sei "zu sauber, um wahr zu sein", wie ein Kritiker das ausdrückt. Was jedoch übrigbleibt nach der jüngsten Demontage, sind Beobachtungen über Schutzwirkungen von Parasiten, die evolutionär betrachtet eher als alte Bekannte denn als gefährliche Erreger gelten. So werden Wurminfektionen in mehreren Studien als Wegbereiter eines gut funktionierenden Immunsystems gehandelt. Zum anderen scheinen Laktobazillen und Bifidobakterien die Abwehr in richtige Bahnen zu lenken. Solche Kulturen können durch moderne Ernährungsgewohnheiten oder exzessive Verwendung von Antibiotika ungünstig beeinflusst werden. Das erklärt womöglich auch die niedrige Allergierate der Waldorf-Kinder: Ihre Eltern sind skeptisch gegenüber Antibiotika und achten auf eine gesunde Ernährung.
Frühe Infektionen kein Schutz vor Allergien und Krebs
Martina Lenzen-Schulte
Kämpfen will gelernt sein. Das gilt auch für die Abwehrtruppen des menschlichen Immunsystems. Früher sagte man, ein bisschen Dreck könne nicht schaden. Zugespitzt wird das in der sogenannten Hygiene-Hypothese: Stählt sich ein Kind früh an harmlosen Infektionen, so soll es später besser gegen ernsthafte Erkrankungen, bösartige Tumoren etwa, gefeit sein. Die Immunzellen sollen dann auch weniger zu überschießenden Reaktionen - wie bei Allergien - oder zu Angriffen gegen körpereigene Strukturen - wie bei Autoimmunkrankheiten - neigen. Impfkritiker stoßen mit der Auffassung, dass Reifung ohne Krisen nicht zu haben sei, ins gleiche Horn. Kinderkrankheiten "wegimpfen" heißt in diesem Konzept, das Kind um die Chance der Abhärtung gegen schlimmere Feinde zu bringen. Dass Waldorfkinder, die weniger geimpft sind, seltener an Allergien leiden, rundet die Plausibilität der inzwischen weit um sich greifenden, streng gefassten Hygiene-Hypothese ab. Diese führt entgleisende Immunmechanismen und Abwehrschwächen pauschal auf die Infektphobie zurück.
Das auf den ersten Blick attraktive, gesellschaftskritische Denkgebäude wird in jüngster Zeit jedoch Stück für Stück zerpflückt. Eine im "American Journal of Epidemiology" (doi: 10.1093/aje/kwm339) veröffentlichte kanadische Studie widerlegt vor allem die Vermutung, Infekte und Kinderkrankheiten verringerten das Leukämierisiko. Lange hieß es, wer als Baby durch ältere Geschwister oder in Krippen früh fremden Keimen ausgesetzt würde, erkranke später nicht so leicht an Leukämie oder anderen Krebsarten, etwa Lymphomen. Beim Vergleich von 399 leukämiekranken Kindern mit ebenso vielen gesunden fand sich keine Bestätigung für einen solchen Zusammenhang. Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps, Röteln und Windpocken, aber auch banale Virusinfekte oder Mittelohrentzündungen härten die Kinder offenbar nicht ab. Unlängst hatte sogar Mel Greaves vom Institute of Cancer Research in London freimütig Risse im eigenen Konzept eingeräumt. Er gilt als Urheber der Idee, frühe Infektionen stählten Kinder gegen Leukämie.
Die kanadische Studie ergab zudem, dass die Impfung gegen Masern, Mumps, Röteln, wenn sie nach dem ersten Geburtstag erfolgte, das Leukämierisiko um die Hälfte verringerte. Auch Impfungen gegen Diphterie, Tetanus und Keuchhusten sowie gegen den Auslöser von Hirnhautentzündungen - das Bakterium Hämophilus influenzae - gingen mit einem verminderten Leukämierisiko einher. Wie Mary McBride und die anderen Forscher weiter berichten, scheinen die Impfungen gegen Tuberkulose und Pocken ebenfalls in dieser Richtung zu wirken. Sie halbieren offenbar das Risiko, am schwarzen Hautkrebs zu erkranken. Eine solche Impfung verlängert zudem die Überlebenszeit der operierten Melanompatienten. Was die Influenza-Impfung betrifft, so schützt diese anscheinend nicht nur vor einer Grippe, sondern auch vor den unterschiedlichsten Entartungen der Lymph- und Knochenmarkszellen. In diesem Fall geht es freilich nicht um Kinder, sondern um ältere Patienten.
In der Debatte um Allergien zeichnet sich ebenfalls eine Kehrtwende ab. Je mehr Infektionen Kinder durchmachten, desto größer war in späteren Jahren das Risiko für Asthmaleiden oder andere sogenannte atopische Erkrankungen wie Neurodermitis und Heuschnupfen. Das haben finnische Forscher in einer Untersuchung an fast 40 000 Kindern herausgefunden. Mitunter wird die These vertreten, Impfungen erhöhten das Allergierisiko. Eine deutsch-niederländische Studie an mehr als 500 Grundschülern ließ indes keinen Zusammenhang zwischen Impfstatus und Allergien erkennen. Eine schweizerische Untersuchung, in die mehr als 1500 Schüler einbezogen worden waren, führte zu dem Ergebnis, dass jene Kinder, die eine Masern- und Mumpserkrankung durchgemacht hatten, eher an Allergien litten als jene, die gegen diese Krankheiten geimpft worden waren.
Immer wieder taucht die Behauptung auf, seit mehr geimpft werde, habe die Zahl der Allergien zugenommen. Ein solcher zeitlicher Zusammenhang existiert aber nicht: In England nimmt zum Beispiel die Zahl der Allergien bei den nach 1985 geborenen Kinder nicht mehr zu, obwohl der Impfplan seitdem immer voller geworden ist. In der DDR wurde viel häufiger gegen Keuchhusten geimpft als in der Bundesrepublik. Dennoch litten die Kinder dort deutlich seltener an Allergien. Woher diese offenbar vorteilhaften Effekte der Impfungen auf das Immunsystem herrühren, ist freilich noch ungeklärt.
Selbstzerstörerische Neigungen der Abwehrzellen sind ebenfalls nicht schlicht als Folge mangelnder Feindberührung zu deuten. Sardinien weist die höchste Rate an Autoimmunerkrankungen in Europa auf und ist sicher keine keimfreie Region. Autoimmunkrankheiten wie Diabetes mellitus Typ 1 kommen nach neueren Erkenntnissen bei Kindern, die viele Infekte durchgemacht haben, sogar häufiger vor. Zudem neigen geimpfte Kinder nicht stärker zu dieser frühen Form der Zuckerkrankheit als nicht geimpfte. Yehuda Shoenfeld vom Zentrum für Autoimmunerkrankungen in Tel Hashomer (Israel) hat jetzt den überschätzten Nutzen von Infektionen zur Verhinderung von Autoimmunerkrankungen dokumentiert ("Clinical Reviews in Allergy and Immunology" (doi: 10.1007/s12016-007-8048-8).
Die Hygiene-Hypothese sei "zu sauber, um wahr zu sein", wie ein Kritiker das ausdrückt. Was jedoch übrigbleibt nach der jüngsten Demontage, sind Beobachtungen über Schutzwirkungen von Parasiten, die evolutionär betrachtet eher als alte Bekannte denn als gefährliche Erreger gelten. So werden Wurminfektionen in mehreren Studien als Wegbereiter eines gut funktionierenden Immunsystems gehandelt. Zum anderen scheinen Laktobazillen und Bifidobakterien die Abwehr in richtige Bahnen zu lenken. Solche Kulturen können durch moderne Ernährungsgewohnheiten oder exzessive Verwendung von Antibiotika ungünstig beeinflusst werden. Das erklärt womöglich auch die niedrige Allergierate der Waldorf-Kinder: Ihre Eltern sind skeptisch gegenüber Antibiotika und achten auf eine gesunde Ernährung.
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Dienstag, 1. April 2008
An alle Herzpatienten: Jetzt sind Sie gefordert...
Patienten nach Herzinfarkt: Disziplinierter Lebensstil?
Patienten nach Herzinfarkt erweisen sich als außerordentlich diszipliniert, was die vom Arzt verschriebenen Medikamente angeht: Fast alle Betroffenen nehmen sie auch noch nach zwölf Monaten regelmäßig ein. Weniger streng halten sie sich allerdings an die Empfehlungen ihrer Behandler, wenn es um die Veränderung des Lebensstils geht, berichteten Herzspezialisten bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie in Mannheim.
Die Forschergruppe aus Dresden um Dr. Claudia Genée befragte fast 800 Patienten sechs und zwölf Monate nach überstandenem Herzinfarkt hinsichtlich Lebensstil und Medikamenteneinnahme. "Erfreulich ist die Nikotinkarenz", hebt Dr. Genée ein Ergebnis der Untersuchung hervor: Drei von vier Patienten, die vor dem Infarkt geraucht hatten, gelang es innerhalb des ersten Jahres danach, den Zigarettenkonsum einzustellen. Als noch größer erwies sich die Disziplin der Herzinfarkt-Patienten bei den Medikamenten: 98,6 Prozent der Befragten nahmen ihre Medikamente sowohl nach sechs als auch nach zwölf Monaten noch regelmäßig ein.
Weniger positiv ist die Bilanz beim Lebensstil, sagt Dr. Genée: "Sekundärpräventive Schulungen zu Gewichtsreduktion, Sport und Ernährungsumstellung erwiesen sich als noch unzureichend, insbesondere ist der Einstieg in eigenständigen Ausdauersport und regelmäßige Bewegung noch nicht zufriedenstellend." Von den ursprünglich 668 übergewichtigen Patienten konnten 54,4 Prozent in den zwölf Monaten nach dem Infarkt ihr Gewicht um mehr als fünf Prozent reduzieren, 53 Prozent der Patienten hatten innerhalb der ersten sechs Monate mit regelmäßigem Training begonnen.
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Kardiologie - Herz- und Kreislaufforschung e.V.
Patienten nach Herzinfarkt erweisen sich als außerordentlich diszipliniert, was die vom Arzt verschriebenen Medikamente angeht: Fast alle Betroffenen nehmen sie auch noch nach zwölf Monaten regelmäßig ein. Weniger streng halten sie sich allerdings an die Empfehlungen ihrer Behandler, wenn es um die Veränderung des Lebensstils geht, berichteten Herzspezialisten bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie in Mannheim.
Die Forschergruppe aus Dresden um Dr. Claudia Genée befragte fast 800 Patienten sechs und zwölf Monate nach überstandenem Herzinfarkt hinsichtlich Lebensstil und Medikamenteneinnahme. "Erfreulich ist die Nikotinkarenz", hebt Dr. Genée ein Ergebnis der Untersuchung hervor: Drei von vier Patienten, die vor dem Infarkt geraucht hatten, gelang es innerhalb des ersten Jahres danach, den Zigarettenkonsum einzustellen. Als noch größer erwies sich die Disziplin der Herzinfarkt-Patienten bei den Medikamenten: 98,6 Prozent der Befragten nahmen ihre Medikamente sowohl nach sechs als auch nach zwölf Monaten noch regelmäßig ein.
Weniger positiv ist die Bilanz beim Lebensstil, sagt Dr. Genée: "Sekundärpräventive Schulungen zu Gewichtsreduktion, Sport und Ernährungsumstellung erwiesen sich als noch unzureichend, insbesondere ist der Einstieg in eigenständigen Ausdauersport und regelmäßige Bewegung noch nicht zufriedenstellend." Von den ursprünglich 668 übergewichtigen Patienten konnten 54,4 Prozent in den zwölf Monaten nach dem Infarkt ihr Gewicht um mehr als fünf Prozent reduzieren, 53 Prozent der Patienten hatten innerhalb der ersten sechs Monate mit regelmäßigem Training begonnen.
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Kardiologie - Herz- und Kreislaufforschung e.V.
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