Obst und Gemüse kardioprotektiv, Vitaminpillen wirkungslos
Wer Gutes tun möchte für Herz und Gefäße, sollte seinen Speiseplan umstellen. Aktuell beim Jahreskongress der American Heart Association vorgestellte Studien zeigen, dass Obst, Gemüse und Hibiskustee protektive Effekte haben. Völlig wirkungslos sind dagegen Pillen, die Vitamin E, Vitamin C oder Folsäure enthalten.
Am positivsten überraschte der Hibiskustee.
In einer Studie der Tufts-Universität in Boston mit 65 Patienten mit leicht erhöhten Blutdruckwerten erwiesen sich drei Tassen Tee am Tag als respektable Blutdrucksenker. Im Laufe der sechswöchigen Studie sank der systolische Blutdruck der Teetrinker um 7,2 mmHg – im Vergleich zu 1,3 mmHg in der Placebogruppe. Bei Patienten mit einem Ausgangsblutdruck über 130 mmHg brachte das aus 1,25 Gramm Teeblättern pro Tasse und im Schnitt sechs Minuten gezogene Heißgetränk den Blutdruck gar im Durchschnitt um 13,2 mmHg nach unten – Placebo hingegen nur um 1,3 mmHg.
Hibiskustee für alle Hypertoniker
Eingedenk der Tatsache, dass eine systolische Blutdruckreduktion um nur 3 mmHg die Gesamtsterblichkeit um 4% senkt, errechnet sich für den Tee eine theoretische Mortalitätsreduktion um wenigstens 12%. Da kann die Empfehlung nur lauten: Raten Sie Ihren Hochdruckpatienten zu drei Tassen hibiskusreichem Kräutertee am Tag!
Wie herzgesund ist Rosenkohl?
Beim Gemüse ist die Datenlage noch ziemlich dürftig, um dieses regelmäßig aus Gründen der Herzgesundheit zu empfehlen. Es gibt zwar Studien, die eine Senkung schädlicher Fette und damit des KHK-Risikos nahelegen. Doch diese untersuchten in der Regel die Wirkung von Sojabohnen, die hierzulande selten auf den Teller kommen. Was Möhren, Erbsen, Spargel und Rosenkohl leisten, ist weniger bekannt. Jetzt ging man der Frage in einer Metaanalyse nach und identifizierte 134 Studien, von denen zwölf wissenschaftlichen Ansprüchen genügten. Auch diese hatten zusammen nur 298 Patienten eingeschlossen. Die Patienten wiesen mit einem Durchschnitts-LDL von 172 mg/dl eine handfeste Hypercholesterinämie auf. Mit einer gemüsereichen Diät gelang es, das LDL im Schnitt um 11 mg/dl zu senken – ein moderater Effekt. Die meisten Patienten bleiben damit Kandidaten für ein Statin, das in der Primärprävention laut Leitlinien ab einem LDL von 160 mg/dl zu erwägen ist.
An apple a day ...
... is not enough. Dies legt eine Studie nahe, der zufolge Obst und Gemüse die Gefäßfunktion bei Patienten mit leicht erhöhten Blutdruckwerten verbessern kann. Dabei gilt: Viel hilft viel. In der Untersuchung wurden 118 Patienten (RR 143/83 mmHg) in drei Gruppen aufgeteilt und angeleitet, acht Wochen lang entweder eine, drei oder sechs Portionen Obst und Gemüse am Tag zu essen. Ermittelt wurde die Gefäßfunktion durch Blutflussmessung im Unterarm, und es zeigte sich: Mit jeder Portion Obst und Gemüse am Tag besserte sich der Blutfluss um 6,2%.
Erneutes Fiasko für Vitaminpillen
Es macht keinen Sinn, sich ungesund zu ernähren und sein Gewissen mit der Einnahme regelmäßiger Vitaminpillen zu beruhigen. Auch bei gesunder Ernährung schützen zusätzliche Vitamine weder Herz noch Gefäße. Viele Leute schwören z. B. auf Folsäure, mit der sich das Homocystein senken lässt. Hohe Homocysteinwerte sind ohne Zweifel ein ungünstiger prognostischer Marker. Diesen mit Folsäure zu reduzieren, bleibt aber ohne Wirkung, auch wenn man Gegenteiliges erwarten würde. Dies haben übereinstimmend die Studien CHAOS-2, WENBIT, VISP, NORVIT, WAFACS und HOPE-2 an großen Studienkollektiven gezeigt. Da überrascht es, dass nun mit der SEARCH-Studie erneut in einer prospektiven Studie bei 12064 Personen über 6,7 Jahre lang der Effekt von täglich 2 mg Folsäure und 1 mg Vitamin B12 untersucht wurde. Erneut wartete man vergeblich auf einen kardioprotektiven Effekt. Allerdings waren die Vitamine auch nicht schädlich, sodass überzeugte Patienten sie weiter zu sich nehmen können.
Auch Vitamin C und E erfreuen sich großer Beliebtheit. Denn sie wirken antioxidativ und es ist hinlänglich bekannt, dass freie Radikale im Körper für allerlei Ungemach verantwortlich sind. Beobachtungsstudien legen nahe, dass regelmäßige Vitaminsupplementierung vor kardiovaskulären Ereignissen schützen könnte. Große kontrollierte, doppelblinde Langzeitstudien bestätigen dies jedoch nicht.
Eine besonders große Studie dieser Art wurde auf dem amerikanischen Herzkongress vorgestellt und zeitgleich in JAMA publiziert. Es handelt sich um die Physicians Health Study II. Diese untersuchte bei 14641 Ärzten im Durchschnittsalter von 64 Jahren die Wirkung einer täglichen Einnahme von 500 IU Vitamin C und der Einnahme von 400 IU Vitamin E an jedem zweiten Tag. Nach achtjähriger Beobachtungszeit musste festgestellt werden, dass beide Vitamine absolut wirkungslos blieben und das Risiko für keinen einzigen kardiovaskulären Endpunkt reduzierten. Um nur ein Ergebnis herauszugreifen: Unter Vitamin C starben 857 Teilnehmer, in der Kontrollgruppe 804 Personen. Unter Vitamin E starben 841 Teilnehmer, in dieser Kontrollgruppe waren es 820 Personen. Das ist statistisch kein Unterschied, wenn auch nummerisch mehr in den Vitamingruppen. Der einzige statistisch signifikante Unterschied war eine Risikoerhöhung für hämorrhagische Schlaganfälle unter Vitamin E, was die Autoren jedoch für einen Artefakt bei insgesamt niedriger Inzidenz halten.
Autor: Dr. med. Dirk Einecke
Originalquelle: Jahrestagung der American Heart Association, New Orleans, 9.–12. 11. 2008
Freitag, 21. November 2008
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