Über die Grandes Alpes von Gipfel zu Gipfel
Es gibt nur wenige Gegenden, die so sehr den Mythos des Radsports verkörpern wie die französischen Alpen. Die Route des Grandes Alpes, die den Genfer See über die großen Pässe mit Nizza verbindet, gehört touristisch sicher zu den absoluten Höhepunkten der Alpenregion. Auf einen Radsportler üben Namen wie Iséran, Galibier oder l'Alpe d'Huez, die großen Alpenpässe, auf denen sich die Tour meist entscheidet, eine besondere Faszination aus. Neben der beeindruckenden Streckenführung auf meist kleinen verkehrsarmen Sträßchen, etwa zum Croix de Fer und zum Madeleine, mit phantastischen Ausblicken auf die vergletscherten hohen Alpengipfel, ist vor allem das Überfahren der endlos auf die Straße gepinselten Namen der großen Helden der Tour von außergewöhnlichem Reiz.
Die Alpen sind das höchste Gebirge Europas mit dem Montblanc (4807 m) als höchstem Gipfel. Sie reichen im Süden bis an den Apennin. Von dort ziehen sie in großem Bogen nach Westen und Norden bis an den Genfer See und von dort ostwärts bis zur Donau bei Wien. Insgesamt ist das Gebirge etwa 1200 Kilometer lang und 150 bis 250 Kilometer breit. An die Alpen grenzen unmittelbar Frankreich, Italien, die Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Österreich und Slowenien.
Die Alpen sind auch das formenreichste Gebirge Europas. Sie verdanken das der Mannigfaltigkeit ihrer Gesteine und der umgestaltenden Wirkung der Eiszeit, in der durch mächtige Gletscherströme die Täler und Pässe ausgeweitet wurden; am Alpenrand bildeten sich tiefe Talseen. Während in den Ostalpen Schiefer dominiert, finden wir in den französischen Westalpen Kalkgestein vor.
Der West- und Nordrand der Alpen liegt im Bereich der Westwindzone und erhält während des ganzen Jahres hohe Niederschläge. Die Tal- und Beckenlandschaften im Inneren sind stellenweise trockener. Mit steigender Höhe nehmen die Temperaturen ab, je 100 Meter etwa ein halbes Grad, während die Intensität der Sonnenstrahlung zunimmt. Die Winde sind als Berg- und Talwind und Föhn stark von den örtlichen Verhältnissen beeinflusst.
An den Gebirgsrändern wachsen im Norden mitteleuropäische, im Süden mediterrane Pflanzen. Der Höhenlage nach folgt auf eine Kulturland- und Laubwaldzone in 800 bis 1000 Meter Höhe die Nadelwaldzone, die bei der Waldgrenze in 1500 bis 2200 Meter Höhe in die Zone des Krummholzes und der Almen übergeht. Die Schneegrenze liegt in den Randgebieten bei 2500, im Inneren bei 3000 Meter. In den Westalpen reichen einzelne Gletscher bis in die besiedelten Gebiete herab. Hier gibt es Hochgebirgstiere, wie Steinbock, Murmeltier, Gämse, Steinadler und Alpenkrähe.
Die Alpen gehören zu den dichtbesiedelten Hochgebirgen der Erde. Neben der Almwirtschaft in den Höhenlagen dominiert in den Tälern die Holzverarbeitung, der Ackerbau und die Textilindustrie. Aufgrund von Sol-, Mineral- und Thermalquellen haben sich zahlreiche Heilbäder entwickelt. Von größter wirtschaftlicher Bedeutung ist der ganzjährige Fremdenverkehr, der sich in den letzten Jahrzehnten zum internationalen Massentourismus entwickelte.
Route
Wir starten in Saanen in der Schweiz, die wir nach einer berauschenden Abfahrt hinab ins Rhônetal Richtung Frankreich verlassen. Noch im Verlauf der ersten Etappen biegen wir dann auf die "Route des Grandes Alpes“ ein. Die Original-Route werden wir jedoch hier und dort verlassen, wenn es landschaftlich interessante Streckenalternativen zu erkunden gibt.
An den ersten beiden Tagen bewältigen wir ein paar kleinere, weniger bekannte doch umso reizvollere Cols. Unter einem Pensum von 3.000 Höhenmetern pro Tag sind jedoch auch diese Berge nicht zu nehmen. Nach den beiden Start-Etappen kommen wir bereits auf 253 Kilometer und 6.350 Höhenmeter.
Ab dem dritten Tag stehen dann einige der Alpenpässe an, die bei vielen Radsportlern ein Gänsehautgefühl auslösen: Izoard, Galibier und der Isèran. Die großen miteinander verbundenen Cols führen allerdings durch sehr verkehrsreiche Täler und sind anfangs nur mit äußerster Konzentration zu befahren.
Auf der dritten Etappe steigen wir von Briancon (1321 m) aus über Cerieres (1610 m) hinauf zum Col d'Izoard (2360 m). Prachtstück des Izoard ist die "Casse Déserte" mit Felstürmen in einer Geröllwüste, die wir nach einem sechs Kilometer steilen Serpentinen-Stück erreichen. Hier befindet sich auch das Denkmal der Rennradheroen Coppi und Bopet. Nachdem wir auf der anderen Bergseite wieder nach Briancon hinunterfahren, erfolgt auf einfacher Straßenführung sogleich der landschaftlich überragende Aufstieg über Lautaret (2043 m) empor zum Col du Galibier (2556 m) mit 12 Prozent Steigung. Hier oben genießen wir eines der beeindruckendsten Alpenpanoramen. Der Berg verlangt einem vor allem auf den letzten Kilometern vor der Passhöhe alles ab und gerechtfertigt den Mythos, der ihn umgibt.
Es geht nun wieder etwa fünf Kilometer hinunter bis nach Valloire (1430 Meter). Nach einer kleinen Verschnaufpause erklimmen wir sodann in gleichmäßigen Serpentinen den Col de Telegraphe (1530 m). Wir klettern durch teils bewaldete Abschnitte relativ einfach nach oben in Richtung der Telegraphenmasten, die dem Pass seinen Namen gaben. Auf der Passhöhe (1566 m) blickt man in das Tal des Arc. Von hier aus geht es über Maurience (716 m) erneut hinunter bis nach La Champre (487 m). Nun bereiten wir uns auf einen langen Anstieg zum Col de la Madeleine (2000 m) vor, den wir nach großer Anstrengung erreichen. Tief hinunter geht es jetzt ins Tal nach Moutiers (479 m), und nach einer kleinen Steigung kommen wir nach Seez, unserem Zielort (925 m). Auf der dritten Etappe legen wir insgesamt 210 Kilometer und rund 3000 Höhenmeter zurück.
Von Seez aus radeln wir auf einer vielbefahrenen Strecke hinauf zum Col de l'Isèran (2770 m), eine Route, die erst ab Val d' Isere (1840 m) auf 16 Kilometern und knapp 1000 Höhenmetern atemberaubend schön wird. Vor allem die Passhöhe des Isèran ist ein wahrer „Höhepunkt“ der Tour; sie verlangt einen beinahe 40 Kilometer langen Anstieg von rund 2800 Metern. Oben angekommen, geht es sogleich wieder hinunter nach Bonneval (1835 m) und weiter über Val Cenis (1339 m) und Modane (1057 m) nach St. Jean-de-Maurienne (565 m). Von hier aus kämpfen wir uns empor zum Col de la Croix de Fer (2067 m), den wir auf einer Strecke mit 14-prozentiger Steigung erreichen. Nach diesem Kraftakt lassen wir uns ins Tal gleiten und erreichen St. Sortin (1550 m). An diesem Tag bewältigen wir 190 Kilometer und 1520 Höhenmeter.
Die fünfte Etappe führt uns von St. Sortin aus hinauf zum Col du Glandon (1951 m). Dann geht es hinunter nach Bourg d’Oisans (719 m). Wir nehmen Anlauf für die 14 Kilometer lange Auffahrt nach Alpe d'Huez (1860 m), dem Wintersportzentrum im Départment d’Isère. Auf der autobahnbreiten und mit allerfeinstem Asphalt versehenen Straße geht es über 21 durchnummerierte Serpentinen nach oben. Sie sind jeweils nach den Siegern dieser Tour-Etappe benannt. Sehenswert ist hier oben leider nur der berühmte Höhenflugplatz, der 1931 angelegt wurde. Ansonsten ist Alpe d’Huez nichts anderes als eine Retorten-Skistation mit riesigen Hotelbunkern und im Sommer deutlich sichtbaren Narben des Skitourismus. Auf der anderen Bergseite fahren wir wieder hinunter nach Bourg d’Oisans und haben am Tagesende 60 Kilometer und rund 1150 Höhenmeter zurückgelegt.
Mit dem Tour-Bus fahren wir nach Barcelonette im Ubaye-Tal, unserem nächsten Standort. Wir besichtigen die geschichtsträchtige Stadt Avignon mit dem Papstpalast, der Kirche von Saint Pierre (14.-16. Jahrhundert), den öffentlichen Gärten, der Kathedrale Notre-Dame-des-Doms und dem Wahrzeichen der Stadt - die Pont d’Avignon aus dem 12. Jahrhundert.
Am nächsten Tag dann geht es in die französischen Südalpen. Hier gibt es eine ganze Reihe hoher, schöner Pässe, die nur teilweise im Rampenlicht der Tour stehen. Die abwechslungsreiche Strecke bis zum Col de Vars (2109 m), einem klassischen Tour-Berg, führt auf der Nordseite recht aussichtsreich auf einem Bergsporn nach oben. Der Pass, eine karge Schieferlandschaft mit Schafweiden, auf denen zwischen vereinzelten Tümpeln Sandsteinblöcke aufragen, bildet die Pforte zum Ubaye-Tal. Da die Straße zur Erschließung der Wintersportgebiete dient, ist sie sehr gut ausgebaut und asphaltiert und man gewinnt in diesem Abschnitt zügig an Höhe. Nachdem wir die Örtchen St. Marcellin und St. Catherine passiert haben, erreichen wir auf etwa 1800 Metern Höhe die Skistation Les Claux. Nach einer kleinen Pause nehmen wir die letzte Passage in Angriff und erklimmen die Passhöhe auf 2109 Meter.
Die Abfahrt vom Col de Vars gestaltet sich bis St. Paul-sur-Ubaye zunächst wellig und serpentinenreich, wird dann aber nach einem tunnelreichen Engpass bis nach Jausiers, unserem Etappenziel, immer flacher. Rund 150 Kilometer und 1000 Höhenmeter haben wir bei der Ankunft hinter uns gebracht.
Auf der siebten Etappe gibt es dann Fahrspaß pur auf den Wegen Richtung Süden. Die Anstiege sind nicht mehr so steil, und es fällt leichter, die herrliche Gebirgslandschaft ringsum zu genießen. 137 Kilometer ist diese letzte Etappe lang, es geht 2750 relativ leichte Höhenmeter bergauf und 4450 Höhenmetern verteilt auf vier Abfahrten wieder hinunter in eine mediterrane Landschaft. Zwei der Abfahrten sind extrem kurvenreich und verlangen konzentriertes Fahren.
Von Jausiers (1200 m) aus beginnt der etwa 23 Kilometer lange Anstieg zum Col de la Bonette (2802 m). Der höchste Pass der Alpen ist eigentlich kein richtiger Pass, sondern eine Zusatzschlaufe des Restefond-Passes. Der Bonette ist trotz der Höhe auf der Nordseite nicht allzu schwer zu fahren, da er immer wieder etwas flachere Abschnitte aufweist. Entlang der Bonette-Route, die das Ubaye- mit dem Tinée-Tal verbindet, sehen wir Ruinen von Befestigungsanlagen, die aus dem italienisch-französischen Grenzkrieg der Jahre 1914 bis 1918 stammen. Die Straße steigt in unzähligen Haarnadelkurven zunächst bis zum Col de Restefond (2678 m) an. Hier befindet sich der eigentliche Pass-Übergang hinunter Richtung Nizza an der Côte d'Azur. Nach dem Restefond folgt dann der kräftezehrende Aufstieg zum Col de la Bonette. Doch für die Quälerei werden wir mit einem atemberaubenden Panorama über fast alle Massive der Südalpen entschädigt.
Unser nächstes Ziel ist der Col de la Cayolle (2326 m), der auf der Nordseite anfangs durch die wildromantische Bachelard-Schlucht führt und später durch eine liebliche Alm- und Waldlandschaft. An vielen Stellen der Auffahrt haben wir großartige Ausblicke über die Haute-Provence. Auf der Südseite ab Estreng geht es über spektakuläre Kehren durch eine steile Felslandschaft. Die Passhöhe bildet die Grenze zwischen dem Ubaye-Tal im Nordwesten, dem oberen Verdon im Südwesten und dem oberen Var im Osten und Süden. Ein kurzes Flachstück gibt es entlang der Quelle des Vars, einem kleinen See auf gut 1800 Meter Höhe. Hier erfolgt der Eintritt in den Nationalpark Mercantour. Vom Cayolle aus geht es dann auf vielen engen und kurvigen Passagen nur bergab bis nach Barcelonette.
Von Colmars aus, einem wunderschönen kleinen Örtchen am Westrand des Nationalparks Mercantour, beginnt in östlicher Richtung der kehrenreiche Anstieg zum Col des Champs (2095 m). Dieser Pass verbindet Colmars im Westen mit St. Martin-d'Entraunes im Osten durch eine - im Vergleich mit den Pässen in nord-südlicher Richtung - wenig befahrenen Straße; es ist mehr ein asphaltierter Wirtschaftsweg, von dem man an verschiedenen Stellen einen wunderschönen Panoramablick über Colmars mit seiner vollständig erhaltenen Stadtmauer und den Befestigungsanlagen Fort de France und Fort de Savoie hat. Die Passhöhe bildet die Grenze zwischen den Départements Alpes-Maritimes und Alpes-de-Haute-Provence. Hier oben ist es waldlos und wir genießen einen sehr schönen Blick über das Val d'Entraunes.
Die untere Passregion führt durch ein Waldgebiet, ebenso wie die Westseite. Auf dieser Abfahrt vom Col des Champs, dem letzten von insgesamt zwanzig Cols, sehen wir plötzlich das Mittelmeer vor uns; es geht hinunter in Frankreichs wärmste Stadt Menton an der östlichsten Ecke der Côte d'Azur, nahe der italienischen Grenze - der abschließende Höhepunkt einer Traumtour durch die Grandes Alpes. Menton ist malerisch schön, hat reizvolle Strände, eine Sonnenpromenade und eine gemütliche Altstadt. Überall blühen Zitronen- und Orangenbäume.
Nun sind wir am Ende der Route des Grandes Alpes und haben insgesamt 1000 Kilometer und 17.170 Höhenmeter im Aufstieg hinter uns gebracht.
(rh)
Montag, 31. März 2008
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen